Als ob ich mich auflöse

Thematik dieses Forums: Dissoziationen wie Depersonalisation, Derealisation und andere dissoziative Zustände sowie Traumata und ihre möglichen Folgen, so wie u.a. auch die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), die akute Belastungsreaktion oder die Dissoziative Identitätsstörung (DIS) bzw. Multiple Persönlichkeitsstörung (MPS).

Als ob ich mich auflöse

Beitragvon KleinesMädchen » Sa. 17.06.2017, 21:49

Hallo liebe Forengemeinschaft,

ich bin neu hier und kenne euch somit nicht, aber ich möchte mir gerne etwas von der Seele schreiben und hoffe, ihr habt ein Ohr und vielleicht sogar einen Tipp für mich.

Seit ich denken kann, war ich irgendwie "anders". Therapeuten habe ich schon ein paar gesehen, allerdings nie lang. Ich habe seit meiner Kindheit mit Depressionen zu tun gehabt, es gibt ein paar Blackouts, und etwa 3 Mal in meinem Leben hatte ich sowas wie Hallus oder Wahnvorstellungen.
Ich wurde nie richtig behandelt, irgendwie war ich auch immer gut im Verschweigen und überspielen. Zu dem Ganzen gehört natürlich auch eine entsprechende Kindheit und Jungend und dann frühe Mutterschaft.
Soweit so gut, im Grunde bin ich eine intelligente, starke und lebenswillige Person. Und hab mich da durch geboxt.

Die Depressionen habe ich überwunden und auch wenn es noch ein zwei Punkte gibt in meinem Leben, die sich ändern müssen (aber da bin ich dran), geht es mir gut. Also, jetzt gerade nicht, akut habe ich Liebeskummer, Prüfungsstress und mein Exmann will mit meinen Kindern wegziehen. Heikles Thema , also letzteres, aber ich hoffe, dass sich das mit der Familienhilfe, die wir nun haben, klären lässt.

Soweit vielleicht zum besseren Verständnis.

Ich habe mich schon immer anders gefühlt. Wie ein Alien. Phasenweise war ich tage, manchmal wochenlang in meinem Wattebausch, oder einfach neben mir oder nicht ich selbst. Und leer. Eine erwachsene Bezugsperson meinte mal über mich, ich sei immer mitten im Geschehen und doch immer die, die alles von außen betrachtet. Und damit hat sie unwissentlich beschrieben, wie ich mich oft fühlte bzw wahrnahm.

Menschen in meiner Umgebung klagen hin und wieder, dass ich einfach "abtauche", d.h. dass ich plötzlich geistig abwesend bin. Ich weiß das, aber ich bin dann nirgends. Ich bin dann taub und leer und denke nichts. Ich nehme mich dann nichtmal als mich wahr.

Es ging mir jetzt lange Zeit gut. Das Gefühl, fremdgesteuert oder aus mir raus zu sein hatte ich so lange nicht mehr, bestimmt ein oder zwei Jahre nicht, zumindest nicht so, dass es mir aufgefallen wäre.
Was mich quält ist etwas anderes: ich löse mich auf. Meine Persönlichkeit, das "Ich", verschwindet. Mein Gedächtnis funktioniert nicht richtig, ich lese Dinge, bin so wissbegierig, aber danach - es ist einfach alles weg. Mein Kopf ist leer, Gedanken nicht greifbar, manchmal denke ich garnichts. Ich erlebe immer öfter, dass ich keine Gesprächsthemen mit anderen Menschen mehr finde, weil mein Kopf ein blankes etwas ist und ich weiß oft nichtmal mehr, wie ich bin. Also ich spüre meinen Charakter nicht mehr, mein Wesen. Es fühlt sich an, als würde ich in mir drin einfach verschwinden. Um mich nicht zu verlieren, suche ich mir etwas, an das sich mein Verstand krallen kann, so habe ich das Gefühl, dass mein Kopf oft so viel um das gleiche kreist. Und das gibt mir nur noch mehr das Gefühl, inhaltsleerer zu werden.
Ich kann mich nicht be- greifen. Das ist so schwer zu erklären, aber da ich gern in Bildern spreche : ich habe das Gefühl, ich werde mit der Zeit zu so einem Seelenlosen Ding wie die , die von den Dementoren in den Harry Potter Büchern geküsst werden.
Ich bin eigentlich ein intelligenter Mensch, aber mein Verstand, mein Gedächtnis, mein Wissen, das alles verschwimmt und verschwindet. Und das macht mir Angst und gibt mir das Gefühl, meinen Wert zu verlieren.
Ich liebe das Leben, ich liebe Menschen und alles um mich herum, die kleinen Details, liebe es, mich tiefgründig zu unterhalten. Und ich will dieses Gefühl nicht, mich aufzulösen, weil es mein Selbstwertgefühl total mindert. Und ich kann das keinem erklären. Es ist nur phasenweise und jetzt wieder ganz schlimm. Ich habe Stress und Kummer und drücke beides weg, weil ich sonst nicht funktionieren kann. Und dass das alles falsch und schlecht ist weiß ich auch, aber ohne gute Prüfung kein Job und ohne Job kein Essen. Ihr wisst wie das ist.
Aber es passiert auch, wenn es mir gut geht.
Ich weiß nicht, was ich tun kann. Wenn gerade alles läuft, ich voller Ideen und Gedanken bin, dann ist das alles vergessen bzw ich denke mir, es ist alles wieder im Lot. Und oft möchte ich diesem Gefühl auch nicht die Macht über mich geben und versuche, es nicht zu beachten.

Kennt ihr das ? Was tut ihr dagegen ? Bzw für euch ?
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Re: Als ob ich mich auflöse

Beitragvon Kätzchen » So. 18.06.2017, 23:31

Das was du da beschreibst kenn ich ganz gut vll in etwas abgeschwächter Form aber das ist eher schwer zu definieren :oops: mein Therapeut hat mir damals Übung beigebracht die ich versuche jeden Abend zu machen wobei er sagte das jede Übung jedem anders hilft, am meisten hat mir die Übung "sicherer Ort" geholfen was aber auch an der anderen Problematik liegen kann die ich habe :oops: wenn du Fragen oder so hast kannst du mir gerne auch eine PN schicken :)
und am Ende sind wir doch alle gleich...
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Re: Als ob ich mich auflöse

Beitragvon loner » Mo. 19.06.2017, 11:33

Hallo,

Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht wie du. Ich war in meiner Kindheit auch irgendwie in einer Krise und litt wahrscheinlich unter Depressionen, die mein SVV ausgelöst haben. Vor ein paar Jahren hatte ich dann eine "richtige" Depression (ich muss sagen, ich habs nie diagnostizieren lassen, aber ich war nah dran, mir das Leben zu nehmen). Ich war dann auch der Meinung, ich hätte es überwunden und bekam dann genau wie du vor einem Jahr dieses "Watte"-Gefühl. Ich wusste oft nicht mehr wer ich bin und wer ich sein will. Meine ganzen Freude-Gefühle waren weg, meine Hobbies haben mir keinen Spaß mehr gemacht. Ich habe lange überlegt, was ich dagegen tun soll. Im Endeffekt habe ich keine Ahnung, aber es geht mir doch etwas besser heute. Mein Leben hat sich in so weit geändert, dass ich nun regelmäßig Sport mache und dadurch auch regelmäßig unter Menschen komme und dadurch etwas mehr soziale Kontakte habe als vorher. Ich habe mir auch häufiger Auszeiten gegönnt, was den Dauer-Stress ein wenig abgebaut hat. Ich glaube, vor allem dieses Watte-Gefühl wurde bei mir durch Stress und Ängste verursacht. Es entzog mein Selbst einfach der Realität, damit ich diesen Druck nicht spüren muss. Ich muss dazu sagen, dass ich schon länger den Druckabbau nicht mehr durch SVV "praktiziere und könnte mir vorstellen, dass dieses Watte-Gefühl ein zweites Ventil für mich war. Ich bin eigentlich ein Arbeitstier, sehr ehrgeizig und kann schlecht Aufgaben abgeben. Habe mir aber dann immer mehr die Zeit genommen, und Dinge liegen lassen, die auch andere erledigen können, mich stattdessen meinen alten Hobbies gewidmet und finde daran auch wieder Freude.
Daneben hat sich auch mein Umfeld geändert. Ich habe ein Studium abgebrochenes und dafür ein anderes aufgenommen und bin deutlcih zufriedener damit.
In manchen Fällen stimmt der Spruch wohl: Die Zeit heilt alle Wunden. Vielleicht bist du einfach noch nicht so richtig raus aus der Depression.
Mein Rat an dich wäre, zu hinterfragen ob du mit den Randbedingungen deines Lebens wirkklich zufrieden bist und ob du vielleicht ein bisschen zuviel Stress hast. Vielleicht brauchst du auch mal eine Auszeit und dann vor allem Zeit für dich allein, wo du dich mit dir und deinem Hobby beschäftigst. Und soziale Kotakte sind auch super wichtig, selbst wenn ich das nicht gern zugebe. Auch kleinere Freundschaften sind Balsam für die Seele.

Liebe Grüße
loner
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Re: Als ob ich mich auflöse

Beitragvon KleinesMädchen » Mo. 19.06.2017, 13:16

Hallo ihr Lieben,

danke für die Antworten!

Kätzchen, vielleicht magst du mir diese Übung ja mal schicken ?


Loner, dieses Wattegfühl habe ich gerade nicht. Ich löse mich einfach auf, meine Grenzen, meine für mich wahrnehmbare Persönlichkeit. Ich will nicht sagen, dass ansonsten alles gut ist - der Stress bereitet mir große Probleme, ist aber nur schwer reduzierbar. Heute habe ich meine mündliche Prüfung bestanden, ich habe nun mit 29 (yaay) meinen ersten Berufsabschluss (ich hätte sehr gerne studiert, aber dazu kam es einfach nicht. Jetzt häng ich noch ein Jahr dran für einen besseren Abschluss ) und das wird mir sicher eine Last nehmen.
Solange ich mich normal fühle, alles soweit läuft, es keine übermäßigen Ups und Downs gibt, habe ich auch das Gefühl, alles ist im Lot. Ich vergesse quasi meine Episoden, ich nenns einfach mal so, weil sie regelmäßig wiederkehren. Meine Gedächtnislücken, die Blank Spaces, nehmen aber zu. Das Gefühl, nicht ich zu sein.
Jetzt am Wochenende hatte ich wieder so eine "Episode". Das sind oft so ein bis drei Tage, an denen ich total außer mir gerate. Meine ganze Welt verrückt, ich fühle mich, als wäre ich in mir tausend Teile, die sich ganz schnell drehen und ich möchte nur aussteigen. Ich bin verzweifelt, traurig, wütend, bestürzt, neben mir, quasi alles in ganz schneller Folge und dann frisst es mich auf. Aber diese Beschreibung trifft es gleichzeitig nicht sehr gut.
Dieses Wochenende, das ist immer die Gefahr, wenn man in Foren wie diesen rumgeistert, wurde ich getriggert. Dabei hat sich ein Teil von mir offenbart, der furchtbar leidet und total verzweifelt ist und ich kann diesen Teil nicht beruhigen oder trösten. Dieser Teil von mir schreit förmlich nach Hilfe.
Ein anderer Teil denkt immer, dass ich mir vieles nur einbilde, alles garnicht schlimm ist. Und macht mich vergessen. Dass diese Tage wirklich grauenvoll sind. Dass ich mich, obwohl ich ein Mensch mit einem funktionieremden sozialen Umfeld, einem gut laufenden Job usw, alle 2-3 Wochen für 2 Tage von allen zurückziehe, soweit das geht, weil ich durchdrehe. Und mich eben immer wieder, auch zwischendurch, mir selbst entzogen fühle.
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Re: Als ob ich mich auflöse

Beitragvon loner » So. 25.06.2017, 18:00

Klingt nach ziemlichen Dauerstress. Ich bin ein sehr introvertierter Mensch. Vielleicht du auch. Das heißt auch, dass zu viel Menschen und Trubel schnell zu viel werden kann. Ich ziehe ich dann auch zurück. Dass du dich isolieren willst ist wahrscheinlich auch ein Zeichen, dass du mehr Ruhe brauchst. Dich irgendwie wieder finden musst, ja... Du kannst auf jeden Fall stolz auf dich sein, dass du die Prüfungen jetzt geschafft hast. Geschafft ist geschafft. Das ist gut.
Vielleicht wäre es für dich auch besser, in Zeiten,wo du dich angreifbar fühlst, gerade nicht in solche Foren zu kommen. Damit du eben nicht getriggert wirst...
LG loner
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Re: Als ob ich mich auflöse

Beitragvon KleinesMädchen » So. 09.07.2017, 20:19

Nur gerade dann brauche ich Menschen, die ich "volltexten" kann. Meine gesunden Freunde wären damit eher überfordert, die kennen das nicht.

Ich bin ein introvertierter Extro :P Also weder das eine noch das andere so richtig. Vermutlich aber hochsensibel und dementsprechend empfindlich und leicht überreizt.

Momentan geht es mir besser. Hab viele kleine Flashbacks- meist nur atmosphärische bzw Stimmungserinnerungen und bruchstückhafte Bilder, aber nachdem ich mir mehr erlaube zu fühlen, ist es erträglicher.
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Re: Als ob ich mich auflöse

Beitragvon loner » Mo. 10.07.2017, 14:04

Wenn es dir hilft, dann kannst du uns hier "volltexten". Kenne das auch von meinem privatem Umfeld. Keiner versteht mich und deswegen bin ich auch hier unterwegs. Ich hab aber auch nicht wirklich viele Freunde oder so... naja. Aber das die Leute, denen ich mich anvertraue, meist nichts mit dem anfangen können und überfordert sind, das kenne ich auch. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass heulen den Druck abbauen kann. Ich will nichts behaupten, aber bei mir glaub ich, dass das heulen auch gut ist, damit ich nicht letztlich mich selbst verletze. Es ist ein natürliches Ventil, meiner Meinung nach.
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Re: Als ob ich mich auflöse

Beitragvon phine » Sa. 09.09.2017, 03:15

den Senf von einer unbekannten hinterher :-D

..so denke ich auch über heulen.. das baut einfach Spannungen ab und hilft nicht aggresiv zu werden.. ein Wunder der Natur, was viel zu viel verdrängt wird.. ( aufgrund Meschen bei denen es aufrgrung eigner Defitizite aggros auslöst, das sind leider nich wenige)


...und auch ich bin ein introvertierte extro :-D zum Trost
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Re: Als ob ich mich auflöse

Beitragvon KleinesMädchen » So. 17.09.2017, 19:46

Erfrischend, der senfliche Nachtrag :)

Ich war übrigens inzwischen bei einer offenen Sprechstunde bei einer Therapeutin und habe Ende des Monats schon einen Termin. Die Dame war irgendwie ganz niedlich, wollte mir immerzu zeigen, dass mit mir alles normal sei und dass es kein Wunder ist, dass bei meiner Lebensgeschichte und auch akuten Belastung alles aus dem Lot gerät. Auch die psyschotischen Erlebnisse, die ich mal hatte, sind ihrer Meinung nach Reaktionen auf die Dauerbelastung.
Das macht Hoffnung.
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